

Südlicher gehts in Deutschland nicht; in Rufweite ist die Schweiz, in Sichtweite ist der Rhein, und mitten im Weinberg liegt der Engelhof.
Das ist gut für den Wein, denn die Trauben können nach der Ernte sofort gepresst werden, so behalten sie Frische und Fruchtigkeit für die langsame Reife im naturkühlen Keller.
20 Hektar Reben umgeben den Engelhof. Das 300 Jahre alte Gut in der Nähe von Waldshut hat Georg Netzhammer 1986 erworben, als er noch Student war. Seitdem schindet er sich mit seiner Frau für den perfekten Wein: Die zwei ernten extrem geringe Erträge und lassen die Weinsäure biologisch abbauen. Das macht ihre Weine, obwohl sie trocken ausgebaut werden, so sanft, so süffig.
Jugendlich-spritzig schmeckt der 2002er Rivaner (4,30 Euro)J der mit gelbgrünen Reflexen im Glas lockt und zart nach Muskat duftet.
Frisch und elegant, am Gaumen herrlich füllig, ist der Weißburgunder (5,60 Euro) vom vergangenen Jahr. Ein aufregend fruchtiger Tropfen der weich den Hals hinabgeht.
Richtig stolz ist Netzhammer aber auf seinen 2000er Spätburgunder (11,50 Euro).Zu Recht, 14 Monate ruhte der Wein im Barriquefass, nun ist er schlichtweg faszinierend. Die Farbe: sattes Rubinrot Der Duft: Sauerkirsche. Und sonst? Voller Saft und Kraft, sensationell! Außerdem: leichte Vanille umschmeichelt Schluck für Schluck den Gaumen.
Einen Fehler hat dieser Klassewein, klagen Winzerkollegen:
"Er ist zu Preiswert"


Während der Pfingstferien war schlechtes Wetter. In der Toskana jedenfalls – hab ich gehört. Ich lächle ein wenig, während ich das schreibe. Erst hab ich jeden beneidet, der weg fahren konnte. Aber jetzt – nachdem Radio-Gong-Moderator Mike Thiel von seinem Toskana-Regen-Urlaub erzählt hat, nachdem mein alter Freund Tom praktisch klatschnass aus der Maremma (das ist der südliche Teil der Toskana) zurückgekommen ist – jetzt bin ich doch sehr glücklich, dass ich hier war. Hier in Deutschland, im allertiefsten Süden.
Temperatur: 30 Grad, um mich herum zart duftende Weinreben (gerade in der Blüte), im Glas einen wundervoller Grauburgunder (in der Toskana würde er Pinot Grigio heißen), vor mir eine bezaubernde kleine Stadt aus dem Mittelalter. Traumkulisse für Genießer. Was will man mehr? Warum denn in die Ferne schweifen? Mit Klimawandel hat das Wetter am Hochrhein nichts zu tun. Es war schon immer ein bisschen milder, ein bisschen wärmer, als anderswo. Da wachsen Pfirsiche, Kiwis, Physalis und eben dieses wunderbaren Weinvorprodukt – die Trauben. Der Rhein ist dunkelgrün und klar (wenn es nicht geregnet hat) und spielt die Grenze zum Nachbarn Schweiz (nach Zürich oder Basel düst man in einer starken halben Stunde).
Kaiserstuhl, das malerische 400-Einwohner-Städtchen, liegt am Schweizer Rhein-Ufer, gegenüber Deutschlands südlichstem Weingut, dem "Engelhof“ (laut "Der Feinschmecker“ eines der besten Weingüter unseres Landes). Wer jemals in seiner Gymnasialzeit die gelben Reclam-Heftchen mit Gottfried Kellers Novellen "Die Bürger von Seldvyla“ oder "Hadlaub“ gelesen hat – weiß sofort: in so einem Ort wie Kaiserstuhl müssen sie gespielt haben. Gediegene Bürgerlichkeit, alles blitzblank und ein bisschen putzig. "Wünsch dir was“-TV-Legenden Vivi Bach und Ehemann Dietmar Schönherr lebten 22 Jahre dort – bis die fünf Etagen im denkmalgeschützten Haus aus dem 14. Jahrhundert zu mühsam wurden und Vivi samt Mann und Puppensammlung nach Ibiza umzog.
Die Sehnsucht nach großer Kultur mit Werken von Michelangelo, Piero della Francesca oder Donatella (die die Toskana selbstverständlich einzigartig machen) kann dieser touristisch unverbrauchte Landstrich am Hochrhein nicht erfüllen. Aber – so ein bisschen alte Kultur geht (neben den belebten mittelalterlichen Städtchen wie z.B. Waldshut oder Laufenburg) doch. Nur etwa dreißig Minuten Fahrtzeit sind es vom Weingut Engelhof in Hohentengen nach St. Blasien. Dort steht der prächtige Dom der ehemaligen Benediktiner-Abtei. Die drittgrößte Kuppelkirche Europas hat eine Spannweite von 33,5 Metern und ragt 64 Meter in die Höhe. Ein beeindruckendes klassizistisches Bauwerk. Übrigens: Im "Kolleg St. Blasien“, einem Prestige-Internat im Anbau des Doms, drückten schon ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, Trigema-Chef Wolfgang Grupp und Ex-Minister Heiner Geißler die Schulbank.
In Bad Säckingen marschieren die Urlauber auf den Spuren von Joseph Victor von Scheffel, der dort zu seinem berühmtesten Werk "Der Trompeter von Säckingen“ inspiriert wurde. Das barocke Münster stammt aus dem 17. Jahrhhundert.
Und wer noch ein wenig in Deutschland-TV-Historie schmökern möchte: Das Haus von Professor Brinkmann (alias Klausjürgen Wussow) aus der "Schwarzwaldklinik“ ist in Wirklichkeit das Heimatmuseum "Hüsli“ und steht in Grafenhausen.
von Désirée Rohrer

